Mut zur Klarheit

Das Frühjahr fordert mich auf derart kreative Art und Weise heraus, wie keine andere Jahreszeit. Mir scheint, ich bin über den Winter eine Andere geworden. Ich habe mich nicht nur äußerlich verändert, sondern auch in meiner Wahrnehmung und meinen Ansichten. Schmunzelnd stelle ich dann mal wieder fest, dass Kleidung nicht nur körperlich zu eng werden kann.

Wir können uns nicht nicht entscheiden.
Bewusst oder unbewusst - uns zu kleiden ist immer ein Ausdruck von uns selbst und damit ein aktiver Prozess. Entscheiden wir uns, Muster hinter unserem Bekleidungsverhalten zu entschlüsseln, lernen wir uns immer besser kennen und können andere Menschen besser verstehen. Deshalb spiegeln sich in unserer Kleidung unsere Beziehungsmuster zu uns selbst und zu anderen Menschen wider.

Kleidung drückt aus, wie mutig wir sind.
Sie zeigt wie klar oder unklar wir sind, ob wir Freude an kreativen Prozessen haben und ob wir eher Altes bewahren oder der Zukunft zugewandt sind. Ob wir lieber aus der zweiten Reihe agieren oder nach vorn gehen. Ob wir Freude am Führen haben oder uns in der Gemeinschaft sicherer fühlen. Ob wir Individualisten, Rebellen, Abenteurer sind oder einfach auf Exklusivität stehen.

Kleidung wirkt nach innen, wie nach außen.
Resonanz nach innen gibt uns zum Beispiel Materialbeschaffenheit, Farbe oder Schnittstruktur. Wir erleben sie als angenehm oder unangenehm. Nicht umsonst sprechen wir von der zweiten Haut. Auch Kleidung ist, wie unsere eigene Haut, ein Tor zwischen innerem und äußerem Wahrnehmen. Dieses Wahrnehmungsspektrum unterschätzen wir oft. Positives Wahrnehmen kann uns auf stille oder powervolle Art und Weise unterstützen. Unangenehme Tragegefühle - das haben wir alle schon erlebt - können uns den ganzen Tag lang einen großen Teil unserer Energie rauben. Abends wundern wir uns über Nackenschmerzen oder ein Gereiztsein, oft ohne den Grund dafür erfassen zu können.
Sind wir aufmerksam, bemerken wir bereits eine Disbalance beim morgendlichen Ankleiden. Reagieren wir sofort drauf, indem wir unsere Kleidung nicht nach unseren visuellen Vorstellungen, sondern nach unserem Empfinden wählen, können wir unvermittelt aufatmen. In den meisten Fällen sieht es dann sogar stimmiger aus.

Mir wird über die Jahre immer bewusster, wie fein und wertvoll unsere Wahrnehmungsausstattung ist und wie hilfreich ihr Potenzial in vielen alltäglichen Momenten sein kann. Wir alle kennen die Sätze in uns: Hab dich nicht so. Stell dich nicht so an. Ist doch nur Kleidung. Sei nicht so empfindlich. Sei nicht so äußerlich. Zum Ausgleich machen wir dann Yoga, Taichi oder Achtsamkeitsmeditation.

Irgendwann ist mir klargeworden, dass gerade unsere Kleidung, die uns rund um die Uhr umgibt, ein ganz wertvolles Achtsamkeitstool ist. Eines, das latent in unser aller System wirkt. Nach innen und nach außen. Respektiere ich meine Wahrnehmungen, vereinfacht sich vieles. Vorausgesetzt, ich lerne sie einzuordnen.

Kleidung hat ein unglaublich großes Potenzial, was uns auf vielen Ebenen bereichert, unterstützt, aufklärt, entlastet und uns immer wieder neue Facetten von uns selbst aufzeigt. Zugegeben, es braucht Mut zur Klarheit und Freude an Sinnlichkeit und Power. Dann lässt sich das Ergebnis sehen und fühlen. Für mich ist das Ausdruck von persönlicher Freiheit.

Wir bekleiden und begleiten Sie gern.
Ihre Karin Jordan und Team | 25 Jahre Atelier Karin Jordan

Fotos: Lisa Plesiutschnig. Das Turtleneck-Kleid trägt Nora Linnemann, freie Autorin.